Schlieben 1943-1945
Das Jahr 1943
In den großen Ferien zwischen dem ersten und dem zweiten Schuljahr
zogen wir wegen der dauernd drohenden Luftangriffe auf Leipzig nach dem
kleinen Marktflecken Schlieben in der Niederlausitz um.
Mutter hatte dort eine Freundin, Tante Melanie, die uns ein Zimmer gab..
Die Frau war unverheiratet, betrieb einen kleinen Schreibwarenladen und war
eine Bauerntochter, die sich ins städtische Milieu geflüchtet hatte. Zuerst
durch die Ausbildung zur Krankenschwester im Klinikum St.Georg in Leipzig,
dort war sie die Busenfreundin meiner Mutter. Schließlich war sie doch ihrem
Dorfe treu geblieben, wenn auch nicht der Landwirtschaft, aber dem Ort
wenigstens durch die Übernahme des einzigen Papierwarenladens der
Gegend.
Ihre große Schwester, Elly, hatte nach Zeitz geheiratet, während die jüngste,
Mutter eines Zwillingspaares (5), mit Hilfe eines zugeteilten gefangenen
Franzosen (Albert) und zweier junger Polinen (Martha- vielleicht 18 und
Josepha- etwa 25) den Bauernhof und die anhängende Großgärtnerei mit
Apfelplantagen und Blumenzucht betrieb.
Der einzige Sohn, Wilhelm, war zur Armee eingezogen ebenso wie die
beiden Knechte.
Ende 1943 große Trauer im Hof: Der Sohn war gefallen!
Der Bauer selbst war früh verstorben. Lediglich
die Oma lebte noch und hatte das Sagen auf dem Hof und im Haus.
In die Schliebener "neue Schule", sie war erst vor wenigen Jahren neu erbaut
worden, ging ich auch.
Das Schuljahr verging ohne größere "Vorkommnisse".
Zwar wurde manchmal die Stille der Unterrichtsstunden durch lautes
Schreien gestrafter Kinder anderer Klassen unterbrochen, in meiner Klasse
geschah jedoch vorerst nichts derartiges. Der alte Lehrer, man hatte ihn aus
dem Ruhestand geholt um zum Krieg eingezogene Lehrer zu ersetzen,
drohte zwar oft mit "gehöriger Abreibung", hatte aber weder einen Rohrstock
zur Hand oder auch nur Lust, einen solchen anzuwenden. Schließlich war er
ein Pädagoge, der seine Amtszeit im Wesentlichen in der Weimarer Zeit
abgedient hatte, in der das Schlagen der Schüler schon einmal verboten war.
Vor dem Krieg selbst waren wir vorerst einmal relativ sicher. Ich erinnere
mich allerdings, dass wir eines Tage, es muss ein Vormittag am
Wochenende oder in den Ferien gewesen sein, riesige Flugzeugformationen
silberglänzemd über den blauen Himmell von Osten Richtung Westen ziehen
sahen.
"Das sind die Amerikaner, die fliegen nach Leipzig und wollen, wenn sie ihre
Bomben abgeworfen haben, nicht erst noch wenden müssen, wenn unsere
Jäger dazwischenfahren" klärte ein Luftwaffenoffizier die Umstehenden auf".
Dass sich die Abschusszahlen in ziemlich engen Grenzen hielten, fiel sogar
mir (8) angesichts der Riesenmenge der Flugzeuge, die wir gesehen hatten,
auf.
Mutter war sichtlich erschrocken über meine Erkenntnis und verbot mir
ausdrücklichst, darüber jemals mit irgend jemand zu sprechen: Sie käme
dann in ein "Konzertlager" und ich in ein Erziehungsheim!
Das Jahr 1944
Die Unterrichtsmethoden änderten sich, als wir in die dritte Klasse kamen.
Die neue Lehrerin, noch verhältnismäßig jung, versuchte ihre Autorität und
eine strenge Disziplin hauptsächlich mit Hilfe des Rohrstockes
durchzusetzen. Nicht "Dummheit" oder "Unfähigkeit" bestrafte sie, aber
gegen Faulheit und Nachlässigkeit hatte sie etwas. Wurden z.B. zu
Stundenbeginn die Hausarbeiten durchgesehen, legte jeder sein Heft auf den
Tischrand zum Gang. Sie ging durch die Reihen mit kritischem Blick.
Wessen Arbeit unordentlich war oder gar ganz fehlte, dem befahl sie, auf der
Stelle nach vorn zu kommen. Die schließlich dort versammleten Sünder
erhielten je nach Schwere des "Vergehens" eine Anzahl wohlgezielter
Rohrstockhiebe auf die straff gespannten Hosen, mussten sie sich doch
bücken, bis die ausgestreckten Hände die Füße berührten.....
Im Ergebnis solcher harter Methoden wurden die Hausaufgaben bei dieser
Lehrerin praktisch immer erledigt. Die geschilderten Bestrafungen gab es
eigentlich nur am Anfang, bis wir uns "an die Ordnung" gewöhnt hatten.
Und ausgerechnet ich, der Beste im Fach Rechnen -wie das damals noch
hieß- hatte einmal meine Hausaufgaben regelrecht vergessen. Als die
Lehrerin das bemerkte, sagte sie nur: "Auch für dich gilt: Hausaufgaben
werden gemacht! Los nach vorn!" Ich glaubte, die schadenfrohen und
hämischen Blicke der Mitschüler zu bemerken. War ich doch schon oft genug
ob meiner Rechenkünste gerade von dieser Lehrerin vor der Klasse gelobt
worden
Der Gang nach vorn war ein förmlicher Spießrutenlauf. Kaum dort
angekommen herrschte mich die Lehrerin noch einmal an, während sie den
Rohrstock aus dem Schrank holte, ihn bog und mit leisem Pfeifen wieder
auseinander schnellen ließ: "Und warum hast du die Aufgaben nicht
gemacht?" Schon schluchzend stammelte ich: "Ich habe sie vergessen."
"Und damit dir das nicht wieder passiert:Bücken!"
Kaum hatte ich mich vor gebeugt, pfiff der Stock auch schon auf die straff
gespannte dünne Sommerhose. Es schmerzte wahnsinnig. Ich wollte schon
wieder hoch kommen, als sie befahl: "Das war noch nicht Alles....zwei! Drei!"
Endlich konnte ich aufstehen und meine Hände an das brennende Hinterteil
pressen. Das Sitzen auf der harten Schulbank bereitete mir für den Rest der
Stunde schon einige Schwierigkeiten.
Das war jedenfalls eine sehr "eindringliche Lektion" gewesen. Das "dicke
Ende" verschuldete ich dann aber selbst zu Hause, eigentlich nur durch
meine Unehrlichkeit. Hatte ich doch, als der Junge der Frau die uns seit 1944
aufgenommen hatte, mein Klassenkamerad Wolfgang, natürlich brühwarm
von meinem Missgeschick erzählte, gelogen, es hätte "gar nicht weh getan".
Mutter wollte das sehen und gab mir im Anschluss an die "Überprüfung"
gleich noch ein paar hinten drauf. Allerdings so, dass man es wirklich noch
einige Tage darauf sehen konnte.
Zum wievielten Male eigentlich(?), hatte ich wieder beim Spielen vergessen,
den "Wehrmachtsbericht zum Mitschreiben" , der täglich 13°°Uhr im Radio
gesendet wurde, wirklich mitzuschreiben, wie mir Mutter das als ständige
Aufgabe auferlegt hatte. "Ist besser als jedes Schuldiktat. Und außerdem
lernst du gleich mit, wie die Welt um uns herum aussieht." Dazu muss man
wissen, dass der Rundfunk damals das einzige schnelle Informationssystem
war, Tonaufzeichnungsmöglichkeiten gab es für die Allgemeinheit noch nicht
und was die Zeitungen schrieben, war mindestens 1-2 Tage alt. Es war
schon sinnvoll, den Wehrmachtsbericht, der, wenn auch tendenziell
eingefärbt, doch immerhin die aktuelle Kriegslage beschrieb, abends in
seiner amtlichen, ungekürzten Form lesen zu können.
Für mich gab es noch eine Zusatzaufgabe: Die im Bericht erwähnten Orte mit
roten Fähnchen für die Sowjetfront, und grünen für alle anderen Fronten zu
kennzeichnen. Die große Europa-Karte ,die an der Wand hing (weiß der
Teufel, welchen Schandfleck die Tante damit versteckte), musste ich dazu
anfangs mit der Leiter erkunden", später genügte ein Stuhl........-Nicht weil
ich größer geworden wäre, sondern weil die Fronten immer näher zum
Zentrum der Karte rückten.
Mutters Begründung für meine tägliche Pflichtarbeit: Sie wollte sich aus
"amtlicher Quelle" informieren, wenn sie denn, oft erst spät, von ihrer Arbeit
als Krankenschwester/Sprechstundenhilfe beim einzigen Arzt des Ortes
zurückkam. Außerdem mich anhalten, erstens zu schreiben und zweitens,
zumindest auf der Landkarte, die Welt zu erkunden.
Weil sie aber zu müde und abgespannt war, gab es meist nur laute, aber im
Ton fast traurige, Ermahnungen.
Der Winter 1944/45 war gekommen.
Mit wenig Schnee, aber schon empfindlicher Kälte begann er im Dezember.
Um uns Lausbuben und auch die beiden Mädchen vom Schlittern auf
"Patschkes Teich", so hieß ein kleiner Weiher unweit des Hauses, auf dem
die Dorfjugend schlitterte und Schlittschuh lief, abzubringen, hatten die
Mütter kaltes Wasser im Hof und auf dem Weg in denGarten vergossen und
so eine wirklich schöne Rutschbahn gebaut. Ausgerüstet mit dicken
Holzpantoffeln schlitterte es sich wunderbar.
Aber die Versuchung, auf dem Teich mit den anderen Kindern zu schlittern
war groß. Konnte man doch erst dort seine Künste richtig zeigen, seinen Mut
vor den anderen Kindern beweisen. Kurz, obwohl es unsere Mütter
ausdrücklich verboten hatten, zogen wir beiden Jungen trotzdem am
Nachmittag auf die Eisfläche des Teiches. Dort, wo das Wasser tief und klar
war, war die Eisdecke auch offenbar tragfähig genug. Dort liefen die Kinder
entweder wie wir in ihren Holzpantoffeln oder gar mit richtigen
Schlittschuhen- von uns allen beneidet. Am Schilfufer,
zwischen allerlei Wasserpflanzen, hatte der Frost nicht so zupacken können.
Meine Abneigunng gegen die "Meute", ebenso wie mein Forscherdrang,
führten mich deshalb gerade in diese etwas abgelegeneren Gefilde. Mit dem
Ergebnis, dass ich plötzlich bis zum Bauch in dem eiskaltem und vor allem
dreckigen Wasser stand. Schnell versuchte ich wieder heraus zu kommen.
Das war aber schwer, denn das Eis brach immer wieder unter meinem
Gewicht.
So musste ich schließlich durch brechendes Dünneis und den schwarzen
Morast zum Ufer waten. Und nach Hause laufen.
Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen -und hielt sich
anschließend die Nase zu!
Schließlich befahl sie mir, auf der Stelle die nassen Sachen auszuziehen,
mich ordentlich zu waschen und wenn ich sauber wäre, vor allem nicht mehr
so stinken würde, wieder bei ihr in der Küche zu erscheinen.
"Neue Sachen bekommst du, wenn du sauber bist, und wir den Fall
abgerechnet haben!" Versprach sie.
Ich ahnte, dass das Waschen mit dem kaltem Wasser nicht die einzige
Strafe sein würde. Nach langem Reiben und Bürsten, unter erheblicher
Wasseranwendung hatte ich es schließlich geschafft: Ich fand mich ziemlich
sauber.
Auch Mutter war zufrieden, als ich schließlich splitterfasernackt in der Küche
erschien.
"Frierst du noch?" Fragte sie hinterhältig. Ich log: "Oh ja, ich muss gleich
etwas drüberziehen!"
"Da liegen deine Sachen, kannst dich schon mal anziehen. Aber die
Unterhosen und die Trainingshosen noch nicht, du weißt warum!"
Das Jahr 1945
Das erst kürzlich (2000) wieder aufgetauchte Tagebuch meiner Mutter -sie
hat es wie ihren Augapfel gehütet und vor jeder Einsicht, vor allen auch
durch uns Kinder, bis zu ihrem Tode bewahrt, gibt noch einmal einen Blick
auf diese Zeit frei. Es hat ehrlich und ungeschminkt ihre geheimsten
Gedanken zu den Ereignissen festgehalten. Manchmal auch solche, die nicht
immer in unser gütiges Mutterbild passten . Nun ergänzen sie meine
Erinnerungen an diese inhaltsschwere Zeit. Also an die erste "Wende"-Zeit
meines Lebens. Die zweite "Wende" war dagegen eher ein
Sonntagsspaziergang!
Das Tagebuch gibt mir Veranlassung, doch noch einmal die Ereignisse an
mir vorüber ziehen zu lassen. Wenn dabei die ganze Schrecklichkeit des
Krieges und des "Umbruches" oder "Zusammenbruches" nicht immer klar
hervortritt, so mag das daran liegen, dass wir eben Glück im Unglück gehabt
hatten und z.B. in unserer Familie, auch denen der Geschwister meiner
Eltern, keine direkten Todesfälle im Zusammenhang mit Krieg und Umbruch
zu beklagen waren
Es begann damit, dass schon Anfang Januar eine Cousine unserer Wirtin
völlig verheult bei uns auftauchte. Sie hatte ihre Heimat Schlesien (Liegnitz)
aus Angst vor der herannahenden Front verlassen. Zwar waren "die Russen"
gerade erst am südöstlichem Zipfel dieses deutschen Landes angekommen,
aber eine unablässig hämmernde Nazipropaganda sorgte für panische Angst
unter der Bevölkerung. So setzte der Flüchtlingsstrom schon lange vor der
Besetzung des Landes ein. Einige weitere "Flüchtlinge", wie wir sie nannten,
trafen in den nächsten Wochen ein, derweil die Front immer näher rückte.
An der großen Wandkarte, die bei meiner Tante Melanie, wo wir zuerst
Unterkunft gefunden hatten, an der Wand hing, steckte ich jeden Tag nach
dem "Wehrmachtsbericht" die Fähnchen neu. Zuerst brauchte ich dazu die
große Stehleiter, später genügte meine Fußbank. Die Fähnchen rückten
immer näher zusammen auf das Zentrum zu.......
Anfang März trafen auch die Leute unseres Dorfes Fluchtvorbereitungen. Als
wir dann aber, irgendwann im März, eines Nachts, bepackt mit Rucksäcken,
Handwagen hinter uns herziehend, zum Bahnhof wollten, kam uns ein Zug
gefangener Frauen, begleitet von SS und ihren großen Hunden, entgegen.
Wir drückten uns an eine Hauswand. Glücklicherweise öffnete ein Bauer das
Tor und ließ uns auf seinen Hof.
Dort beratschlagten die Mütter, was nun zu tun sei.
Einige gingen noch einmal auf die Straße, den schier unendlichen Elendszug
zu sehen. Die Zigeunerinnen, als solche hatten die Frauen sie identifiziert,
riefen den Frauen zu: "Wir werden jetzt frei- und ihr kommt in die Lager!"
Erschrocken kehrten wir in unsere Häuser zurück, entschlossen, das Ende
hier abzuwarten. Denn, dass es sich nur darum handeln konnte, glaubten
inzwischen nicht nur die Pessimistinnen unter den Frauen.
Das Kriegsende
Tiefflieger
Gegen Kriegsende griff der Luftkrieg auch nach dem kleinen Marktflecken in
der Niederlausitz: Fast tägliche Tieffliegerangriffe, die uns Kinder meist auf
dem Schulweg trafen. Wer schnell genug sich in Türnischen drücken konnte,
sah und hörte zwar die Geschosse auf der Straße einschlagen, kam aber mit
dem Leben davon, wenn er die Wendezeiten der Jagdflugzeuge geschickt
nutzte, einige Häuser weiter zu kommen. Wir waren alle sehr flink. Keinen
meiner Schulkameraden hat es dabei erwischt...
Schlechter ging es den Bauern, oder besser den Zwangsarbeitern, die Hitler
aus fast ganz Europa zum Arbeitsdienst nach Deutschland getrieben hatte.
Sie hatten keine Deckung auf denn Feldern, jetzt während der
Frühjahrsbestellung.
"Lateralschäden" nennt man so etwas wohl heute.
Will sagen, dass durch die Tieffliegerangriffe bevorzugt Zwangsarbeiter -also
Angehörige der Alliierten- getroffen wurden.
Der Spähtrupp
Anfang April, ich glaube sogar, es war der 1. Ostertag, also im Jahre 1945
der 1.April, ritten zwei sowjetische Soldaten durch das Dorf, ohne auch nur
von irgend einem Bewohner besonders beachtet zu werden. Ihre Aufgabe
bestand offenbar darin, die Lage der Panzersperren zu erkunden und
mögliche Durchfahrtswege durch den Ort festzustellen. Die Panzersperren,
riesige mit Sand gefüllte Kästen aus rohen Kieferstämmen, waren für Panzer
ein fast unüberwindliches Hindernis.
Da aber im Ortsteil Berga eine Panzerfaustfabrik lag, waren einige Straßen
frei geblieben, um die LKW mit den Panzerfäusten auf ihrem Weg an die
Front hindurch zu lassen. Die Lindenstraße, der direkte Weg von Osten in
den Ort war durch solch eine Sperre abgeriegelt.
Die Späher hatten offenbar einen Weg gefunden: Die schier unendliche
Panzerkolonne rollte auf der "Teerstraße" wie wir sie nannten, also der
"Reichsstraße 87" bis zur Kreuzung Martinstraße, wendete dort fast im
rechten Winkel und wälzte sich schließlich durch die Martinstraße am Markt
vorbei bis zur Bahnhofstraße, schließlich über Berga und von da weiter
Richtung Norden, also nach Berlin.
Dass bei der Durchfahrt durch die engen Dorfstraßen natürlich fast alle
Strommasten fielen, die Leitungen schließlich als wirre Knäuel auf der Straße
lagen, dazu die meisten Eingangsstufen und die Zäune der dicht an der
Straße stehenden Häuser niedergewalzt wurden, lässt sich denken.
Aber: Strom gab es ohnehin schon seit einigen Tagen nicht mehr
Wenige Tage später, Anfang April, rückte schließlich auch der Tross der
"Russen", in Wirklichkeit ein buntes Völkergemisch, in dem Ort ein. Sie
blieben nicht lange, ging doch der Angriff Richtung Berlin weiter. Wir dachten
schon, sie wären abgezogen, so leer war die Gegend von jedem Militär.
Keine deutschen, keine sowjetischen Soldaten mehr zu sehen
Das Kriegsrecht
Ende April kehrten sie zurück und richteten sich häuslich ein. Von dem noch
geltendem Kriegsrecht gedeckt, gaben sie erst einmal den Ort zur
Plünderung frei. Alle Hausbewohner mussten sich jeweils in ein Zimmer des
Hauses zurückziehen, durften die Tür sogar verschließen. Das Dorf war
scheinbar menschenleer. Erst am nächsten Morgen konnten die Leute
wieder in ihre Wohnungen um zu sehen, was übrig geblieben
war...
In dem Haus, in dem wir zur Untermiete gewohnt hatten, eine stattliche Villa
des ehemaligen Molkereibesitzers, richteten die Sowjets ihre Kommandantur
ein.
Wir mussten, mit max. 25 kg Gepäck das Haus innerhalb von 2 Stunden
verlassen. Eine Bauersfrau nahm uns auf.
Allen Deutschen in der Straße ging es ebenso wie uns. Die Bahnhofstraße
wurde als Ganzes beschlagnahmt, um den Offizieren nach den sicher
anstrengenden Fronttagen eine halbwegs anständige Unterkunft zu
gewähren.
Manschaftsdienstgrade schliefen im Freien, bestenfalls in einigen Scheunen,
in der Schule oder unter primitiven Zeltplanen. Die Straße wurde abgesperrt.
Am Straßenende wurde zwischen zwei Dachgiebeln eine Leine gespannt, an
der zusammengenähte Betttücher als Kinoleinewand befestigt wurden. Diese
hatten schnell zusammengetrommelte Frauen des Dorfes, auf ihren eigenen
Nähmaschinen, die in der Aula der Schule aufgestellt wurden, aus ihren
eigenen Bettlaken zusammen nähen müssen.
Abends lief das sowjetische Frontkino. Wir Kinder
konnten das Leinwandgeschehen von der Rückseite betrachten. Verstanden
von der Sprache natürlich kein Wort.....
Meine Eisenbahn
Einige Tage später kamen wir Rangen beim Herumstrolchen, Schulunterricht
gab es noch nicht wieder, weil die Schule auch in der Bahnhofstraße lag und
"belegt" war, in "unser" Haus. Dort herrschte reges Treiben. Offiziere und
Mannschaften gingen ein und aus.
Uns beide kleinen Jungen (9) beachtete Niemand.
So kamen wir bis in die große Küche. Dort stand eine wohlbeleibte Soldatin
mit weißer Kittelschürze und schnitt von einem Brotleib große Schnitten, um
sie anschließend mit herrlicher Leberwurst aus Einweckgläsern zu
bestreichen. Auch wir bekamen von der Köstlichkeit......
Plötzlich kam ein Offizier in prächtiger Uniform. Er sprach mit der Köchin
offenbar über uns, winkte uns und bedeutete, mit nach oben zu kommen. In
"meinem" ehemaligem Zimmer hatte er auf dem großem Tisch meine
Märklin-Eisenbahn aufgebaut. Er rief etwas in das Erdgeschoss hinunter.
Durch das Fenster konnten wir sehen, wie ein Pferdegespann der kleinen
russischen Panje-Pferde ein großes Aggregat auf Gummirädern mitten auf
die Bahnhofstraße schleppte. Schnell hatten Soldaten Kabel zum Haus
ausgerollt. Sie versuchten den Diesel zu starten. Doch alle Bemühungen
waren umsonst, bis sich unser Offizier selbst nach unten auf die Straße
begab, sein langes Koppel abschnallte und um die Zapfwelle schlang. Ein
kräftiger Zug- und der Diesel sprang an. Sogleich erstahlten alle Lampen im
Haus. Diese wurden jedoch, weil es heller Tag war, sofort auf Zurufen
unseres Offiziers gelöscht.
Er aber steckte bedeutungsvoll den Stecker des Eisenbahn-Trafos in die
Steckdose und führte uns meine Eisenbahn vor. Sicher ahnte er nicht, dass
das meine Eisenbahn gewesen war. Jedenfalls war er sichtlich stolz, uns
Dorfkindern so ein technisches Wunderwerk vorführen zu können.
Aus Angst....
Im Dorf selbst hatten sich übrigens vor Einzug der Sowjetarmee über 30
Personen aus Angst das Leben genommen. Sie wurden nach und nach
abgeschnitten (die meisten hatten sich erhängt) ,auf dem Friedhof in einem
Massengrab beigesetzt. Es waren auch zwei meiner Klassenkameraden
darunter...... Ihre Eltern hatten sie nicht allein zurücklassen wollen....
Auch der Arzt PAPISS war dabei. Er hatte seine ganze Familie, dazu die
Sprechstundenhilfe und sich selbst vergiftet. Seine Krankenschwester, also
meine Mutter, hatte das Angebot dankend ausgeschlagen, sie wollte, wenn
überhaupt, mit ihren Kindern, also meiner Schwester (3) und mir (9) sterben.
Der Arzt selbst hatte die Spritze überlebt.
Die Sowjets nahmen ihn zwar gefangen, ließen ihn jedoch bald wieder frei,
da er der einzige noch praktizierende Arzt im Dorf war.
Etwas mulmig war mir schon zu Mute, als ich ihn eines Tages allein
besuchen sollte, um mir meine Typhusspritze abzuholen. Die Durchimpfung
der Bevölkerung hatte der Kommandant befohlen. Meine Mutter hatte keine
Zeit, mich zu begleiten. "Wer sich den ganzen Tag allein herumtreiben kann,
der kann auch allein zum Doktor gehen!" Dass mir, als ich die Spritze bekam,
mein Klassenkamerad im Geiste erschien, wer will mir das verdenken? Aber:
Als Belohnung winkte ein madenfreier Apfel aus den Vorräten der
Bauersfrau. Die waren sonst ausschließlich für den Verkauf bestimmt.
Köstlich!
Die ersten Wochen und Monate nach dem Sieg zeigten uns, wie die Sieger
mit den Besiegten umgingen. Hatte irgend ein Dorfbewohner etwas, was
einem Sowjet gefiel, so war es schon besser, wenn er es ohne Widerstand
hingab. Einer unserer Lehrer hatte, weil er seine Taschenuhr nicht geben
wollte, Uhr und Leben dazu verloren.
Front-Waschtag
In einem Gehöft am Ende der Lindenstraße, unweit der schon erwähnten
Panzersperre wurden auf dem geräumigen Hofe zahlreiche Waschkessel auf
provisorische Ziegelsteinböcke gestellt und mit einem Holzfeuer darunter
angeheizt.
Männer des Dorfes mussten Holz, das reichlich auf dem Hofe herumlag,
zerkleinern, während einige Schuljungen, darunter auch ich, die Kessel
befeuern "durften". Machte richtig Spaß!
Zusammengetrommelte Frauen aus dem Ort, darunter auch meine Mutter,
mussten die Wäsche an grob zusammengezimmerten "Waschtischen"
ordentlich schrubben. In der Scheune entledigten die Soldaten sich ihrer
verschmutzten Kleidung und zogen sich um.
Es war übrigens der Hof, wo sich die ganze Familie des Bauers,
einschließlich der drei Kinder, also auch meines Klassenkameraden, erhängt
hatte. Ich hätte ja gar zu gern noch etwas von der Selbstmordstätte gesehen,
aber die Soldaten ließen uns Kinder nicht in die Scheune.
Die Siegesfeier
Einige Wochen nach der Niederlage Nazideutschlands, die ersten
Süßkirschen reiften schon, fand in der großen Speisehalle des uns
benachbarten Großbauern die offizielle Siegesfeier statt. Hinter den Stühlen
der "Sieger" wurden Löcher in den Fußboden gehackt und Süßkirschbäume
eingepflanzt, so, dass man nur hinter sich zu greifen brauchte, um von den
Kirschen zu naschen.
Zur Bedienung wurden junge Mädchen und Frauen us dem Dorf requiriert.
Jede hatte Angst davor, auch meine Mutter versteckte sich auf dem
Heuboden. Kam davon.
Dass diese Frauen nicht nur die Speisen aufzutragen hatten, lässt sich
denken.
Es wurde die ganze Nacht gefeiert, gejohlt, gelacht, die Frauen kreischten
manchmal. Erst gegen Morgen, wir machten uns zum morgentlichen Gang
auf das Spargelfeld bereit, stürmten die "Sieger" aus der Halle. Restlos
betrunken. Aber glücklicherweise so absolut, dass sie uns und den
Spargelfrauen nicht mehr folgen konnten, sondern lallend auf der Dorfstraße
liegen blieben- ihren Rausch auszuschlafen.
Den Rückweg vom Feld wählten die Spargelstecherinen über Schleichwege
unter Vermeidung der mit Betrunkenen besähten Dorfstraßen. Mir war dabei
die ehrenvolle Aufgabe übertragen worden, die Frauen als einziger "Mann"
begleiten zu dürfen und vorauseilend den Weg zu erkunden, sprich nach
sowjetischen Soldaten Ausschau zu halten. Offenbar ist mir diese
Sicherungsaufgabe voll gelungen, denn ich musste nun jeden Morgen die
Frauen aufs Spargelfeld und zurück begleiten.
Die Brotfrage
Trotzdem, das Leben normalisierte sich. Da die Sieger jede sich bietende
Gelegenheit nutzten, das ganze Dorf mit Brotentzug, sprich Backverbot für
die beiden Bäcker, zu "bestrafen", wurden die in den Gärten der meisten
Bauern noch stehenden Backöfen reaktiviert.
Dieses Brotverbot wurde z.B. ausgesprochen, wenn mal wieder der Wald
gebrannt hatte. Bei den trockenen Kiefernwäldern Südbrandenburgs im
Hochsommer wahrlich keine Besonderheit.
Die Schuld für die Brände wurde grundsätzlich den Dorfbewohnern gegeben,
obwohl diese an ihren Sonnabend- oder Sonntag-Nachmittagen auch
anderes vorhatten als im Wald die Brände zu bekämpfen. Denn nur zu den
Zeiten brannte der Wald. Wer ihn entzündet hatte, war der
Besatzungsmacht schon im Vorhinein klar.
Oder es hatte sich irgend jemand -angeblich- den Anordnungen widersetzt,
z.B. ständig die Haustüren geöffnet zu halten.
Der "Schuldige" wurde meist auf Nimmerwiedersehen abtransportiert, das
Dorf dagegen mit Brotentzug bestraft.
Natürlich konnte nur heimlich und nachts gebacken werden. Aber was das
für ein köstliches Brot war! Der Besatzungsmacht war das nächtliche Treiben
nicht unbemerkt geblieben. So kamen sie, nicht um das Backen zu
unterbinden, sondern, um mit der Drohung der Anzeige zu befehlen, auch für
sie solches Brot zu backen. (Natürlich aus dem Mehl der Bauern).Mit dem
Ergebnis, dass für uns kaum noch etwas blieb, einfach, weil die Öfen für
diese Anforderungen zu klein waren.
Der "Schwarze", und die Heidelbeergeschichte
Unter der Masse der Besatzungssoldaten ragten schon einige
"Persönlichkeiten" besonders hervor.
Einer dieser war der sog. "Schwarze".
Der "Schwarze", nicht etwa weil er ein Neger war, sondern weil er einfach
eine so vom Wetter und der Sonne Mittelasiens gegerbte Gesichtshaut hatte,
die fast schwarz erschien.
Er sprach und verstand ein wenig deutsch. Jeder Frau, die ihm gefiel, bot er
"zwei Sack Zucker" für eine Nacht.
"Standhaft" weigerten sich die meisten.
Bis eines Tages die 6 Kinder einer Mutter mit Schälchen voller Zucker auf
den Hof zum Spielen kamen.... Uns boten sie an, für irgendwelche
Leistungen, die Kinder so zu vergeben haben, ebenfalls Zucker aus "dem
großen Sack" zu holen.
Als wir diese Begebenheit unseren Müttern erzählten, nickten diese nur
vielsagend.
Die Frau gebrauchte am Abend ausgiebig ihre siebenschwänzige
Klopfpeitsche um den "Gören" den Standpunkt klar zu machen. Man hörte
das laute Schimpfen der Frau und die Schmerzensschreie der Kinder weit
aus dem geöffnetem Küchenfenster über den Hof schallen...
Zur Aufbesserung der Nahrungssituation gingen wir alle, unsere Mütter und
wir Kinder, häufig in den Wald, Heidelbeeren zu sammeln. Wenn dann eine
drei- oder vierköpfige Familie am Abend einen Eimer voll hatte, konnten sie
schon glücklich sein.
Manchmal fuhren wir auch mit der schon wieder fahrenden "Niederlausitzer
Eisenbahn" (NLE) bis nach Rochau-West. Eine einsame Holzverladestelle
mit Haltepunkt mitten im Wald. Da wir aber nicht allein dorthin fuhren, war die
Heidelbeerernte eher mäßig.
In Rochau-Ost sollte es dagegen Heidelbeeren über und über geben. Keine
unserer Mütter war jedoch bereit, bis dorthin zu fahren. Zahlreiche Lager der
Besatzungsmacht sollten sich dort befinden.
Lediglich besagte Frau nahm eines Tages das Angebot des "Schwarzen" an:
"Fahren nach Rochau-Ost, Frau bekommen viele Beeren". Sie fuhr also an
einem unserer Sammeltage, natürlich ohne ihre Kinder, aber mit zwei Eimern
bewaffnet, die eine Station weiter als wir.
Und richtig: Als wir am Abend, übermüdet und mit krummen Rücken, in den
Zug einstiegen, saß die Frau schon im Abteil. Garnicht "abgeschaft" wie
unsere Mütter, dafür aber geschminkt und parfümiert. Rechts und links von
sich einen übervollen Wassereimer mit Heidelbeeren bewachend.
Aus ihren Erzählungen erfuhren unsere Mütter dann, was sich in Rochau-Ost
zugetragen hatte:
Der "Schwarze" hatte schon am Bahnhof auf sie gewartet und sie sofort zum
Kommandanten gebracht. Der ließ Soldaten antreten und gab den Befehl,
Heidelbeeren zu pflücken, derweil sich die Frau den ganzen Tag mit den
Offizieren "vergnügen" durfte.
Etwas ängstlich wurde ihr dann doch, als
bekannt wurde, dass die Familienväter mit zahlreichen Kindern zuerst aus
der Gefangenschaft entlassen würden. Im Nachbardorf, so erzählte man,
hätte einer dieser Heimkehrer seine Frau auf die heiße Herdplatte gesetzt,
als er von ihren erotischen Abenteuern mit der Besatzungsmacht erfahren
hatte.
So schlimm kann es aber bei unserer Frau nicht geworden sein, denn zu den
sechs Vorkriegskindern gesellten sich in der Zeit danach noch einmal sechs
Sprösslinge.
Die Schule beginnt wieder
Den Zeitpunkt hatten unsere Mütter schon sehnlichst erwartet. Das
Herumlungern von uns Kindern von morgens bis abends musste einmal sein
Ende nehmen. Obwohl wir uns ganz gut in dieses freie, ungezwungene
Leben gefügt hatten.
Ständig auf Entdeckungen, ständig neuen Unsinn
ausheckend. Natürlich endete das hin und wieder auch mal mit einer Tracht
(Prügel), wenn es denn zu arg geworden war.
Kurz, der Ausrufer des Ortes, ein älterer Mann mit kräftiger Stimme und einer
großen Handglocke, der Mittags und Abends das Neueste, vor allem die
Anordnungen des sowj.Komandanten bekanntgab, verkündete eines Tages,
dass ab morgen sich alle schulpflichtigen Kinder in der "alten Schule" zum
Unterricht einzufinden hätten. Die "neue Schule" war ja immer noch von der
Besatzungsmacht belegt.
Wir wurden auf dem Schulhof in die unserem Alter entsprechenden Klassen
eingeteilt, Die meisten kamen wieder so zusammen, wie vor dem
"Zusammenbruch", einige waren neu hinzugekommen, erste Aussiedler aus
den deutschen Ostgebieten, einige fehlten. Darunter auch einige Kinder,
denen der Krieg noch in den letzten Tagen das Leben gekostet hatte.
Auch eines der beiden Mädchen der Drogistenfrau Wegener fehlte. Wir
hatten am Tage vor ihrem Tod noch miteinander gespielt. Die Frau war mit
ihrem Kind, als sie in der Stadt Herzberg zum Augenarzt gefahren war, in
einen Luftangriff auf den Bahnhof geraten.
Als die Flugzeuge abgeflogen waren und sich die Fahrgäste aus der
unbequemen Lage unter den Eisenbahnwaggons befreiten, stand das
Mädchen (10) nicht mehr auf. Ein Bordwaffengeschoss hatte sie am Kopf
getroffen....
Die "Wiedereröffnung" der Schule war feierlich.
Unser Klassenlehrer, der eigentlich schon pensionierte ehemalige
Oberlehrern aus meiner 2.Klasse, brachte uns zu allererst das neue Grüßen
bei:
"Es heißt nicht mehr >Heil Hitler<, jetzt gibt man
die Tageszeit: >Guten Morgen<, >guten Tag< oder
>guten Abend<. Und wenn man weggeht:>Auf
Wiedersehen<." Da konnten sich doch einige, die sogar im Familienkreise
den Nazigruß verwendet hatten, -so etwas gab es tatsächlich!- Ein Kichern
nicht verkneifen.
Uns "Normale" interessierte dagegen eine andere
Mitteilung um so mehr:" Ab sofort ist das Schlagen der Schüler verboten",
verkündete der Oberlehrer, nicht ohne innere Genugtuung, hatte er doch
seine Berufszeit im wesentlichem in der Weimarer Republik verbracht, wo
derartige Erziehungsmethoden auch schon einmal geächtet waren.
Um unsere Jubel zu dämpfen fügte er aber bedeutungsvoll hinzu:"Das
betrifft nur die Schule! Was euere Eltern machen, hat damit nichts, aber auch
gar nichts, zu tun!" Im Gegenteil, er drohte uns, gegebenenfalls "kleine
Briefchen" an unsere Eltern zu verschicken. "Was die dann mit euch
machen, ist mir gleich!" verkündete er.
-------------------------------------Aufgeschrieben 2002, ergänzt 2007, aus den
Tagebuchaufzeichnungen meiner Mutter (1905-1982) und nach eigenen Erinnerungen von
Manfred Franz (geb.1936)
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