-
Leipzig 1945 Zu Hause in einer zerstörten Stadt
Der Neubeginn

Mutters "Schlieben-Tagebuch" wird fortgesetzt.
Es schildert bemerkenswerte Zustände und Ereignisse in unserer Heimatstadt, in die wir im Früherbst desJahres 1945 zurückkehrten
Hier hat Mutter ein zweites Tagebuch angefangen. Es reicht etwa von Anfang September 1945 bis zu unserem Umzug in eine etwas größere Wohnung im Stadtteil Leipzig-Gohlis in der Mitte desJahres 1948.
Mutter hatte auch hier, wie in Schlieben, ein ziemlich genaues Tagebuch geführt und auch das, wie ihr "Schlieben-Tagebuch", vor allen fremden Lesern bis zu ihrem Tode geheim gehalten.
Ich werde versuchen, wie im "Schlieben-Tagebuch", die Aufzeichnungen durch eigene Erlebnisse zu ergänzen, soweit das zum Verständnis erforderlich scheint.
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------
In kursiv jeweils der Originaltext
Die Zwischenüberschriften sind von mir
Abenteuerliche Heimreise
Sonnabend,22.September 1945
"Mit viel Glück und unter dem laustarken Protest der "Andres-Oma", die in Wirklichkeit nur der abreisenden billigen Arbeitskraft nachweinte, die ich doch war, nahm ich das Wagnis einer Eisenbahnreise von Schlieben nach Leipzig auf mich. Ich wollte endlich wieder zu Hause in meinem Leipzig, bei meinen Verwandten sein. Egal wie es in der Stadt aussehen würde............
All unsere Habe verpackten wir in meinen und Manfreds Rucksack und auf dem Kinderwagen von Gudrun. Sie bot sich mit ihren 3 1/2 Jahren sogar an zu laufen, damit wir ihren Kinderwagen vollpacken konnten.
Die Reise ging dann auch ganz gut von Schlieben mit der Niederlausitzer Eisenbahn bis Falkenberg. Das Bahnhofsgebäude völlig zerstört.
Ein Eisenbahner rief aus, dass Reisende nach Leipzig über Riesa fahren müssten, dort allerdings auch eine Elbefähre zu benutzen sei, weil die Elbebrücke noch gesprengt wäre.
In offenen Güterwagen nahmen wir Stehplatz. Vor der zerstörten Elbebrücke aussteigen, einen schmalen Pfad zum Wasser. Dort wartete ein kleiner Kahn. Er nahm jeweils etwa 20 Leute an Bord, ehe er mit der Kraft zweier Ruderer gemächlich dem anderen Ufer zusteuerte.
Die steile Uferböschung zum Bahnhof. Das Gebäude auch arg zerstört. Aber ein Zug stand abfahrbereit Richtung Leipzig auf dem Gleis.
Er fuhr bis Wurzen.Dort die gleiche Prozedur wie in Riesa: Zum Muldeufer laufen, Kahnüberfahrt, die steile Uferböschung wieder hinauf bis zum schon wartenden Zug. Der brachte uns schließlich bis zum Haltepunkt Leipzig-Ost in Schönefeld am Stannebeinplatz und zur der Breslauer Straße. Der Hauptbahnhof war für Züge aus Ri Dresden noch nicht wieder empfangsbereit.
Von dort eine Straßenbahn bis zur Endstelle Schönefeld. Nun nur noch 1 km Fußmarsch bis zur Wohnung der Franz-Oma."
Einzug in Omas Wohnung
Sonntag, 23.September 1945
"Die "Franz-Oma", meine Schwiegermutter, hatte uns nach Schlieben geschrieben, dass wir doch bitte wieder nach Leipzig kommen möchten. Nachdem der Schwiegervater verstorben sei, könne sie in sein ehem. Herrenzimmer ziehen, derweil wir die zweite Wohnstube bewohnen könnten. Das wäre ihr allemal lieber, als fremde Leute zugewiesen zu bekommen. Werner (mein Vater) ist noch nicht aus dem Krieg zurück, ich weiß nicht einmal, ob er gesund die Gefangenschaft er- und überlebt hat."

Hintergrund der Einladung war die Tatsache, dass die Wohnung meiner Großmutter wie durch ein Wunder sogar noch einige Fensterscheiben aus Glas besaß und auch sonst keinerlei Bombenschäden davongetragen hatte, obwohl im Nachbarhaus durch eine Sprengbombe der gesamte Küchenflügel über alle 4 Stockwerke bis in den Keller wie abrasiert worden war. Dort wohnte eine Tante von mir. Der Korridor fast unversehrt , die Küchentür ging jedoch "ins Freie". Großmutter hatte also allen Grund zu befürchten, dass Fremde, Ausgebombte oder Umsiedler aus den Ostgebieten, eine Einweisung in ihre 4-Zimmer-Wohnung bekommen würden. Eine ausgebombte Frau, Frau Kummig, drei(!)mal verschüttet gewesen, wohnte schon in einem der Zimmer.
Wasser, elektrischen Strom, Gas, gab es noch nicht wieder. Aber schon Lebensmittelkarten. Die Belieferung mit den dort vermerkten Waren erfolgte allerdings erst nach "Aufruf", noch ziemlich unregelmäßig. Wasser mussten wir von einer der wenigen Straßenpumpen holen, die glücklicherweise gerade unserem Haus gegenüber stand. Fand man eine günstige Zeit, konnte die Füllung der Eimer ohne erst in einer Warteschlange zu stehen, erfolgen.
Mutter hatte irgendwo zwei kleinere Eimer, vielleicht für 6-7 Liter ergattern können, so dass die Aufgabe des Wasserholens mehr und mehr mir zufallen konnte.
Schulbeginn und Bombentrichter
Montag, 1.Oktober 1945
"Die Schule beginnt wieder. Die 11.Volksschule, zu deren Bezirk wir gehören, ist seit dem 7.Juli 1944 zerbombt. Manfred muss nun in die 22. Volksschule nach Schönefeld gehen. Das sind 3 km Fußweg täglich 2x. Straßenbahn fährt zwar auch schon wieder, aber nicht von Mockau nach Schönefeld."

"Manfred berichtet von seiner neuen Klassenlehrerin, einer Neulehrerin, dass die gleich verkündet haben soll, dass es keine Prügel mehr in der Schule geben darf. Bin ich ja neugierig, wie die Ordnung bei den Rabauken halten wollen!
Gut, dass es wenigstens (noch?) nicht den Eltern verboten ist, ihre Kinder ordentlich zu erziehen!"
Dass Mutter es damit ernst meinte, sollte ich recht bald erfahren. Im Nachlass einer Tante von mir, die ihr Leben als Handarbeits-Lehrerin zugebracht und 1945 selbst beendet hatte, fand sich auch ein "schöner" Schulrohrstock. Den nahm Mutter an sich. Wie ich bald merken sollte, war der neue Erziehungshelfer nicht nur zur Drohung in den Haushalt aufgenommen worden.
Die erste "richtige" Anwendung des neuen Erziehungsinstrumentes sollte nicht lange auf sich warten lassen.
Wir hatten wie schon erwähnt, einen sehr weiten Weg zur Schule, die in einem anderem Stadtteil lag. Die etwa 3 km Weg wurden noch dadurch verlängert, dass mitten auf einer Straße ein riesiger Bombentrichter, wahrscheinlich von einer Luftmine, lag. Der Trichter war so groß, dass auch die Fußwege und teilweise die umliegenden Gärten vom herausgetriebenen Erdmassen verschüttet waren. Diese Stelle war ordentlich abgesperrt, dabei für die Fußgänger eine kleine Umleitung durch die angrenzende Gartenanlage beschildert. Das gefiel den Kleingärtnern aber gar nicht. Steckte doch mancher Wanderer durch die Gärten schon auch einmal einen Apfel oder eine Birne ein. Und in der allgemeinen Hungersnot zählte jedes Stück Obst. Kurz die Kleingärtner hatten schließlich erreicht, dass ihre Anlage wieder verschlossen werden konnte und wir einen noch weiteren Weg durch städtische Straßen nehmen mussten.
Wäre natürlich noch die Möglichkeit geblieben, über die Wälle des Bombentrichters zu turnen.....Das hatten uns unsere Mütter aber streng verboten, gingen doch die Innenseiten des Trichterwalles relativ steil bis in ziemliche Tiefe. Unten sammelte sich Wasser, von dem niemand wusste, wie tief es war.
Es kam, wie es kommen musste: Zuerst nur einige wenige ganz Mutige, später immer mehr, schließlich alle Schüler, die eben den Schulweg hatten, achteten die Absperrungen und Verbote nicht mehr. Und eines Tages standen mehrere Polizisten gut getarnt am Trichter, fingen uns der Reihe nach ab und schrieben uns auf. Jeder bekam eine Vorladung für einen einen Elternteil, auf´s Revier zu kommen.....
Zögernd und schon mit unguten Gefühlen gab ich den Zettel meiner Mutter.
"Was hast du denn nun wieder angestellt?" Kleinlaut berichtete ich, wie wir beim Überklettern des Bombentrichters erwischt worden waren.
"Und habe ich dir nicht verboten, dort zu gehen?"
"Doch, das schon, aber es sind ja alle dort lang gegangen!"
"Das werde ich ja sehen, dann müssten die anderen Mütter ja auch auf´s Revier. Und wenn es auch so ist- du gehörst doch nicht zum Herdenvieh. Was du angestellt hast, wirst du auch ausbaden! Da kann dir keiner von deinen Freunden helfen!"
Jedenfalls ging Mutter zur angegebenen Zeit auf das Polizeirevier- um dort tatsächlich auch die Mütter der anderen Sünder zu treffen. Nach einem Vortrag über die Gefährlichkeit der Bombentrichter wurde jeder Mutter schließlich noch eine "gebührenpflichtige Verwarnung" in Höhe von 5.-Mark erteilt. Und das war damals viel Geld, wenn man bedenkt, dass ein Brot 32 Pfennige, ein Stück Butter 80 Pfennige und eine Straßenbahnfahrt 16 Pfennige kostete- wenn man diese Dinge denn bekommen konnte. Die Stundenlöhne einfacher Arbeiter lagen noch durchweg unter 1.- Mark. Die erbosten Mütter tauschten sich auch über ihre Abrechnungsabsichten aus.
Fast alle waren entschlossen, die 5.-Mark auf den Erziehungsflächen der Sprösslinge abzuklopfen. Mutter nahm die Gelegenheit wahr, den neuen Erziehungshelfer zu probieren
Der Originaltext kann hier nachgelesen werden:
http://muttis-tagebuch.blogspot.com/
Omas Radio
Freitag 12.Oktober
"Seit dem 15.September gab es schon wieder einen Radiosender für Leipzig. Oma hatte noch aus besseren Zeiten ihr großes Radio, einen 6-Kreis-Super, der wirklich guten Klang abgab. Und das nicht nur für den Leipziger Sender, sondern auch (und vor allem) von BBC London.
Die Freude währte aber nicht lange.
Heute kamen zwei Männer, einer mit einer roten Armbinde, und behaupteten, sie seien beauftragt und befugt, alle Radiogeräte von ehemaligen PGs (MItgliedern der NSDAP) einzuziehen und abzuholen. Opa war (zahlendes) Mitglied gewesen.
So kam es, dass wir lange Zeit von den Informationen über die Welt praktisch abgeschnitten waren, weil ein anderes Radioerät einfach nicht aufzutreiben war. Natürlich gab es, schon wegen der häuifigen Stromabschaltungen ohnehin kaum ungestörten Empfang. Nun war aber auch das zu Ende."
Ausgezogen
Montag,19.November
"Wir waren bei Vater (also meinem Opa) am Sonntagnachmittag zu Besuch. Er erzählte uns, dass der Bäckermeister Beck, der auf der gegenüber liegenden Straßenseite seine kleine Bäckerei betrieb, am Sonnabendabend, als er mit seiner Frau von einem Vwerwandtenbesuch im nachbardorf zurück kam, plötzlich von zwei Russen mit vorgehaltener Pistole angehalten wurde. Die Russen verlangten von ihm, sich auszuziehen. Widerwillig gehorchte er der vorgehaltenen Pistole bis er schließlich nur noch in seiner Unterwäsche stand. Der eine der beidenb Russen, an der uniform unschwer als Offizier zu erkennen, zog sich hastig aus, warf der Bäckersfrau seine Uniformstücke in den Arm und zog sich die zivilen Kleidungsstücke des Bäckermeisters über. Als er angezogen war, fühlte er noch einmal die Taschen ab, sichtlich zufrieden, dass sich eine Brieftasche und eine Geldbörse ertasten ließen. Ohne erst deren Inhalt zu prüfen verschwand er mit rekordverdächtigem Tempo im Laufschritt er in der Dunkelheit in Richtung Stadt.
Der Bäckermeister zog sich zwar die zurückgelassene Uniformhose an, ließ aber klugerweise die Uniformjacke am Ort des Geschehens liegen. Seine Frau legte ihm in der kalten Novembernacht wenigstens ihre Strickjacke über die Schultern.........."
Mit derartigen Ereignissen waren immer mal wieder Männer in unserer Gegend konfrontiert. Die "Eroberer" der Kleidungsstücke waren fast ausschließlich sowjetische Offiziere, die offenbar den Schutz ziviler Kleidung suchten, um sich so unerkannt Richtung Westen absetzen zu können. Dass dafür natürlich nur Offiziere mit wenigstens einigermaßen guten Deutschkenntnissen in Frage kamen, lässt sich denken. Das war aber garnicht so selten. In der Sowjetunion war Deutsch in den Oberschulen allgemein die 1. Fremdsprache, Abiturienten konnten sich deshalb verhältnismäßig leicht in Deutschland verständigen.
Weihnachten, Fest des Friedens
1.Weihnacthtsfeierag 1945
"Noch nie in meinem Leben habe ich Weihnachten so als Fest der Freude und des Friedens erlebt wie dieses Weihnachten 1945. Alle 6 Kinder der Oma versammelten sich heute Nachmittag in der großen Wohnstube. Dazu die Schwiegerkinder und die Enkel. Alle hatten überlebt, und die im Felde waren, kamen wie durch ein Wunder auch schon bis zu dieser ersten Friedensweihnacht aus der Gefangenschaft nach Hause!
Bohnenkaffee hatte Gerda mitgebracht, weiß der Himmel woher sie den hatte, einige Plätzchen oder gar Pfefferkuchen hatte jeder selbst dabei. Es war kein Fest der Geschenke, des leiblichen Genusses auch nicht. Es war ein Fest der Freude, die schreckliche Kriegszeit lebend und unversehrt überwunden zu haben! Keine Bombenangriffe mehr! Keine Angst vor ständiger Verschlechterung der Lebenslage mehr.
Wir sind tief genug unten, es kann nur noch aufwärts gehen!"
Wie recht sie damit hatte! In dem reichlichen halben Jahr nach Kriegsende und völligem Zusammenbruch gab es schon wieder eine fast durchgehende Gasversorgung.

Die Straßenbahnen fuhren auf fast allen Linien wieder. Vorerst allerdings, um den stark mitgenommenen Wagenpark zu schonen und um Strom zu sparen, vorwiegend im Berufsverkehr.

Strom stand auch an. Wenn auch, bedingt durch erhebliche Schäden an den beiden Leipziger (Stadt-)Kraftwerken mit häufigen Abschaltungen. Besonders in den Spitzenzeiten, also morgens und abends, wurde es oft finster. Wer da noch Kerzen hatte, meist selbsgegossene aus irgendwelchen Stearinrersten oder eine, meist ziemlich abenteuerlich zusammengebastelte Öllampe und etwas Altöl oder sonstiges Altfett dazu, konnte sich glücklich schätzen.
Vater hatte aus einem alten Fahrradrahmen, allerdings noch mit Kette, Hinterrad und Dynamo, aber ohne Bereifung, ein Gestell zusammengebaut, mit dem man sich etwas Lichtstrom ertreten konnte. Ein alter Treibriemen übernahm die Kraftübertragung zum Dynamo, Wenn man so will eine frühe Form des heutigen Hometrainers, nur nicht um abzuspecken, wir hatten kein Gramm zuviel auf dem Leibe, sondern um einfach etwas Licht ins Dunkel der Abende zu bringen. Um nicht ununterbrochen treten zu müssen hatte Vater wenig später das Hinterrad mit Beton ausgegossen. Die Beschaffung des Zementes hatte ein Brot gekostet. Nun machte es mir höllischen Spaß, damit Strom für uns zu erzeugen. Der Komfort erreichte seinen Höhepunkt, als Vater auch noch statt des Fahrraddynamos eine kleine Autolichtmaschine beschaffen und anbauen konnte.
Fortsetzung folgt!